PRAXIS DR. MED. PIERRE VILLARS
Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe
Schwerpunkt Operative Gynäkologie und Geburtshilfe
Senologie - Mitglied Brustteam Zürich und Brustcentrum Bethanien

Dufourstrasse 143  CH-8008 Zürich  Switzerland
Tel.(+41) 044-389 22 11  Fax.(+41) 044-389 22 12

Home Inhalt Kontakt AKTUELL: Sectio Praxisjubilaeum


 

 

Kommentar zum Abbruch bzw. Abschluss der amerikanischen WHI Hormon-Studie

Der Abbruch eines Teils einer amerikanischen Hormonstudie im Rahmen der "Women's Health Initiativ" (WHI-Studie) hat in der Laienpresse zu vielen Schlagzeilen geführt und entsprechend viele betroffene Frauen verunsichert.
Zunächst muss festgehalten werden, dass nur ein Arm der Studie, nämlich die Kombinationsbehandlung Östrogen-Gestagen, vorzeitig gestoppt wurde. Der Studienarm mit der alleinigen Östrogenbehandlung wurde weitergeführt und erst kürzlich nach 7 Jahren wie geplant abgeschlossen. Eigenartigerweise haben die Medien kaum darüber berichtet, dass unter alleiniger Östrogensubstitution weniger Brustkrebsfälle gefunden wurden, als in der Kontrollgruppe ohne Hormone!
 
Nachteilige Ergebnisse (Oestrogen-Gestagen-Gruppe) Positive Ergebnisse
  • Zunahme der Brustkrebfälle um "26%"
     (absolut von 3 auf 3,8 Fälle / 1'000 Frauen p.a., also weniger als 1 Fall !)
  • Zunahme der Thromboseerkrankungen um ca.  100%
    (von 1,6 auf 3,4 / 1'000 Frauen p.a.)
  • Abnahme der Knochenbrüche um ca. 33%
    (von 1,5 auf 1 / 1'000 Frauen p.a.)
  • Abnahme des Dickdarmkrebses um 37%
    (von 1,6 auf 1 / 1'000 Frauen p.a.)
Definitive Ergebnisse der Gruppe mit Oestrogen alleine nach 7 Jahren Behandlung Brustkrebs: pro 1000 Frauen pro Jahr
  • ohne Oestrogen: 3,3 Fälle
  • mit Oestrogen:    2,6 Fälle
    (= Abnahme um "23%")

Die prozentualen Angaben müssen den effektiven, kleinen Fallzahlen gegenübergestellt werden. So handelt es sich beim Brustkrebs in der Oestrogen-Gestagen-Gruppe um eine Zunahme von nicht einmal einem Fall (von 3 auf 3,8) pro 1'000 Probandinnen pro Jahr. Andererseits beträgt die Abnahme des Brustkrebsrisikos unter Oestrogen alleine nach 7 jähriger Therapie 23%, d.h. 2,6 Fälle statt der erwarteten 3,3 Fälle pro 1000 Frauen. Statistisch sind derart kleine Zahlen sehr fragwürdig. Bei Ereignissen, die so selten (kleine Fallzahlen) und zudem - wie der Brustkrebs -  von vielen anderen Faktoren abhängig sind, werden von Statistik-Experten viel grössere Studiengruppen verlangt. Relative Zu- oder Abnahmen unter 200% bis 300% müssen entsprechend sehr vorsichtig interpretiert werden. (Erst eine Zunahme von beispielsweise 3 auf 9 Fälle könnte als  Beweis gelten). Zudem muss die besagte Risiko dem erhöhten Brustkrebsrisiko bei Übergewicht, Kinderlosigkeit, Zigarettenkonsum, Bewegungsarmut usw. gegenübergestellt werden. Das Brustkrebsrisiko sollte demnach kein Entscheidungskriterium sein, eine Hormonersatzbehandlung nicht durchzuführen oder allenfalls abzubrechen.
 

Die amerikanische WHI-Studie lässt sich auch aus anderen Überlegungen nicht direkt auf unsere Verhältnisse übernehmen bzw. rechtfertigt vorerst nicht ein Absetzen einer bisherigen Hormonersatzbehandlung::

  • Das primäre Endziel der Studie war die Beobachtung von Herzkreislauferkrankungen unter Hormontherapie und nicht die Zu-/Abnahme des Brustkrebsrisikos.
  • Die Studie wurde mit hochdosierten Hormonpräparaten durchgeführt und die Dosierung nicht wie heute üblich individuell an die Patientin angepasst!
  • Es wurden nur Frauen in die Studie aufgenommen, die keine Hormonausfallsymptome (wie z.B. Wallungen, nächtliches Schwitzen) hatten. Dies entspricht nicht der europäischen Indikation für eine Hormonersatzbehandlung. Viele Frauen wurden demnach unnötig und mit einer viel zu hohen Hormondosis behandelt, statt nur das zu ersetzen, was fehlt.
  • Das Durchschnittsalter der Studiengruppe lag bei 63 Jahren! Es handelt sich demnach nicht um gesunde Frauen in der frühen Menopause. Viele Frauen erhielten zusätzliche Herzmedikamente wie z.B. Aspirin cardio oder wurden wegen Diabetes behandelt (=Risikopatientinnen für Thrombosen, Hirnschlag oder Herzinfarkt).
  • Amerikanische Frauen leiden bekanntlich vermehrt an Übergewicht, was bereits an sich ein Risikofaktor für Brustkrebs ist, weil diese Frauen vermehrt Östrogene in das Brustgewebe einlagern. Eine Östrogen-Gestagen Behandlung in hoher Dosierung ist bei übergewichtigen Frauen zu überdenken, weil damit eine übernatürlich hohe Gewebskonzentration an Hormonen in der Brust verursacht werden kann.
  • Die Studie vermischt die Aussage über eine längerfristigen Hormonwirkung als Prophylaxe (=Vorbeugung) bei gesunden Frauen in der frühen Menopause mit einer Hormonwirkung als Therapie bei älteren Frauen (ohne Hormonausfallserscheinungen) zur Behandlung von Herzkreislaufkrankhheiten.
  • Die Studie sagt nichts aus über eine Hormonersatzbehandlung in niedriger Dosierung oder mit Präparaten, die über die Haut aufgenommen werden. Zudem werden bei uns meistens andere Hormonkombinationen (mit anderen Gestagenen) verwendet.

Welches sind die Schlüsse für betroffene Frauen:

  • Keine Panik! Kein Absetzen der bisherigen Behandlung ohne Rücksprache mit dem Arzt!
  • Anlässlich der nächsten Routineuntersuchung bisherige Therapie besprechen und wo angebracht ev. Wechsel auf ein anderes Behandlungsschema mit möglichst tiefer Dosierung oder Präparat, welches über die Haut aufgenommen wird.
  • Frauen, welche Livial® (Tibolon) einnehmen, brauchen sich weniger Sorgen zu machen:
    Livial führt nachweislich nicht zu vermehrten Thrombosen, sondern steigert die sog. "Fibrinolyse", d.h. es hilft beginnende Thrombosen aufzulösen. Zudem wird die Brust unter Livial® nicht hormonell stimuliert, sondern das Gegenteil ist der Fall: unter Livial® wird die Brust in der Regel weniger dicht, womit die Mammographie aussagekräftiger wird und kleine Tumoren besser erfasst werden können. Zudem ist bekannt, dass ein dichtes Brustgewebe als eigenständiger Risikofaktor für Brustkrebs gilt.

Welche Schlüsse ziehen wir für unsere Praxis und Hormonberatung:

  • Wir fühlen uns mit unserer Philosophie der individuellen Beratung bestätigt: Beschwerdebild der Patientin sowie potentielle Nutzen bzw. Risiken müssen gegen einander abgewogen und diskutiert werden.
  • Abklärung des Osteoporoserisikos mittels DEXA Messung zu Beginn der Menopause.
  • Falls Hormone angebracht: so tief als möglich- so viel als nötig!
  • Bei Frauen ohne Gebärmutter: möglichst nur Östrogene, möglichst in niedriger Dosierung durch die Haut.
  • Bei erhöhtem Risiko für Osteoporose: zusätzlich Calcium und Vitamin D. Nach Bedarf. auch sog. Biphosphonate (Wochentabletten, Monatstabeltten oder Infusionen). Sport und Krafttraining haben einen positiven Einfluss auf die Knochenqualität. Bei bestehender Osteoporose kann auch eine Therapie mit Antikörpern erfolgen, welche die Knochenbälkchen abbauenden Zellen (Osteoklasten) hemmen.
  • Frauen mit familiär erhöhtem Risiko für Brustkrebs oder mit schmerzhaften, oft gespannten Brustdrüsen: Therapie mit Livial® (Tibolon). Ev. auch Evista® (Raloxifen) und lokale Östrogene zur Befeuchtung der Schleimhäute (Vaginalzäpfchen - oder Crème / Augentropfen usw)
  • Bei Frauen mit Übergewicht oder mit regelmässigem Alkoholkonsum: wenn angezeigt nur sehr vorsichtige und niedrige Östrogendosierung.
  • Wo erwünscht: Abklärung der erblichen Veranlagungen (Genpolymorphismus) mittels Gen-Chip (Femsensor®).
  • Besprechung von Alternativbehandlungen: Phytoöstrogene (Soja oder Rotklee-Extrakte), wobei diese Präparate keinen Schutz vor Osteoporose bieten.
  • Lifestyle-Besprechung (Sportliche Aktivität, Gewichtsreduktion, Ernährung).

Zögern nicht, bei Ihrer nächsten Routineuntersuchung Ihre Ängste zu äussern und die bisherige Behandlung zu diskutieren.

 

HOME GYNÄKOLOGIE OPERATIONEN GEBURTSHILFE WEIBLICHE BRUST FAMILIENPLANUNG KINDERWUNSCH MENOPAUSE GEWICHT KLINIKEN POLITIK NEWS AKTUELL BÜCHER LNIKS 

Für E-Mail - Anfragen oder Kommentare zu dieser Website siehe: Kontakte
Copyright © 1998 Dr.Pierre Villars, Facharzt Gynäkologie & Geburtshilfe, 8008 Zürich
Stand: 02. August 2013